1895 wurde die Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte gegründet. Der Abt des Klosters Loccum, D. Gerhard Uhlhorn, wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt. Auch in anderen deutschen Ländern entstanden seinerzeit zahlreiche kirchengeschichtliche Vereine, sowohl evangelisch als auch katholisch. Im niedersächsischen Gebiet kann als katholisches Beispiel der Verein für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim von 1926 genannt werden.
Diese kirchengeschichtlichen Vereinsgründungen fügten sich in die damalige wissenschaftliche Epoche des Historismus ein, in der die Bedeutung des Gegenwärtigen aus einem geschichtlichen Verlauf abgeleitet und historisch in den Prozess einer Entwicklung eingeordnet wurde. Diese wissenschaftsgeschichtliche Phase gehört inzwischen selbst der Geschichte an.
Die Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte besteht noch heute. Indem sie die Erforschung der Kirchengeschichte Niedersachsens fördert und bei der Erschließung von Dokumenten der örtlichen und regionalen Kirchengeschichte berät, trägt sie zu einem besseren Verständnis des Gewordenseins von Kirche in ihren gegenwärtigen Herausforderungen bei.
Im Folgenden lesen Sie eine kurze Darstellung der Kirchengeschichte in Niedersachsen. Sie beginnt in der frühen Epoche des Mittelalters. Mit den Reformationen und Reformen der Frühen Neuzeit zeichnen sich spezifische Eigenarten der Geschichte der einzelnen Landeskirchen ab, sodass deren Darstellung auch auf dieser Website jeweils eigene Wege geht. Mit der Gründung des Bundeslandes Niedersachsens im Jahr 1946 werden diese Wege wieder zusammengeführt:
Die Implementierung des Christentums …
… im Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen vollzog sich im frühen Mittelalter. Bau- und kunstgeschichtliche Dokumente wie der St. Petri Dom in Bremen, der Mariendom und die Kirche St. Michaelis in Hildesheim, von denen die letzten beiden als Weltkulturerbe gelten, ebenso wie viele Feldsteinkirchen sowie historisch einmalige Quellentexte wie der Heliand belegen einen vielschichtigen Prozess, in dem (1) missionarische Unternehmungen, (2) politische Entwicklungen und (3) frömmigkeitliche Bewegungen zusammenspielten.
(1) Bonifatius, Willibrord, Willehad und andere angelsächsische Missionare wirkten unter den sprachlich und kulturell verwandten germanischen Stämmen der Friesen an der Nordseeküste und der Sachsen im Hinterland. (2) Karl der Große und nachfolgende Kaiser organisierten ihre politische Macht auch durch die Etablierung fester kirchlicher Strukturen in Bistümern und ersten Pfarreien. (3) Zusätzlich entfalteten zahlreiche Klostergründungen wie z. B. Corvey eine nachhaltige Wirkung. Einige dieser Klöster wurden Reichsstifte mit großer politischer Macht (u. a. Gandersheim) und andere prägen bis in die Gegenwart das christliche Leben im Land (z. B. Loccum und einige Frauenklöster).
Schaumburg-Lippische Kirchengeschichte seit der Reformation
Die Grafschaft Holstein-Schaumburg wurde erst 1559 reformiert und damit relativ spät. Im gleichen Jahr wurde die von Philipp Melanchthon beeinflusste mecklenburgische Kirchenordnung in Schaumburg eingeführt. Jacob Damman, Hofprediger mit einem Theologiestudium in Wittenberg, wirkte de facto als Superintendent der neu entstandenen kleinen Landeskirche. Fürst Ernst zu Holstein-Schaumburg (1601-1622) führte 1614 eine eigenständige, lang wirkende lutherische Kirchenordnung ein und ließ die repräsentative Stadtkirche in Bückeburg errichten (1615).
Mit dem Aussterben der Holstein-Schaumburger Dynastie und der Teilung des Landes 1647 verkleinerte sich das Gebiet der Landeskirche auf etwa die Hälfte. Zudem entstand mit der Einsetzung einer Seitenlinie der Lipper Grafen als Landesherren die eigentümliche Situation, dass der Landesherr der reformierten Konfession angehörte, das neue Land „Schaumburg-Lippe“ aber lutherisch blieb. Der reformierte Gottesdienst beschränkte sich auf die Schlosskapelle, 1692 entstand mit dem Eintreffen von Hugenotten eine reformierte Gemeinde in Bückeburg, 1736 auch in Stadthagen.
Mit dem Superintendenten David Hauber (1727-1746 in Stadthagen) und der Gräfin Johanna Sophie zu Schaumburg-Lippe wirkten pietistische Einflüsse. Unter Graf Wilhelm leitete Johann Gottfried Herder 1771-1776 die schaumburg-lippische Kirche. 1804 wurde der hannoversche Landeskatechismus von 1790, ein Jahr später ein vom Superintendenten Karl Gottlieb Horstig bearbeitetes neues Gesangbuch eingeführt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts orientierte sich die schaumburg-lippische Kirche wieder stärker an lutherischer Tradition, eine synodale Ordnung wurde erst um 1900 eingeführt.
Nach der Revolution 1918 übernahm der Landeskirchenrat die Kirchenleitung, der Einfluss der Kirche auf die Schulen wurde geringer. Unter dem Superintendenten Wilhelm Henke verweigerte sich die Landeskirche einigen Beschlüssen des Reichskirchenausschusses und konnte die NS-Zeit mit einer vorläufigen eigenständigen Leitung als bekenntnisgebundenes Notkirchenregiment überstehen. Nach dem Krieg wurde Henke erster Landesbischof Schaumburg-Lippes. Schaumburg-Lippe wurde 1946 in das neu entstandene Land Niedersachsen eingegliedert, die schaumburg-lippische Landeskirche jedoch blieb bestehen.
(Dr. Stefan Brüdermann)
Mit dem 1946 gegründeten Bundesland Niedersachsen …
… haben die fünf evangelischen Landeskirchen einen Staatsvertrag abgeschlossen, den Loccumer Vertrag aus dem Jahr 1955. Um die aus diesem Vertrag erwachsenden gemeinsamen Aufgaben gegenüber dem Land koordinieren und erfüllen zu können, haben die fünf Landeskirchen 1971 die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen gegründet.
Welche Aufgaben werden sich den Landeskirchen im weiteren Verlauf der Geschichte stellen? Mit dieser Frage wird der sichere Boden wissenschaftlicher Kirchengeschichtsschreibung verlassen. Dennoch können Herausforderungen und Handlungslinien wahrgenommen werden, die sich gegenwärtig zeigen:
Die nordöstlich benachbarten Landeskirchen in Nordelbien, Mecklenburg und Pommern haben sich 2012 zur Nordkirche zusammengeschlossen. Ob in der Fusion zu einer Landeskirche in Niedersachsen ein weiterer Schritt notwendiger kirchlicher Entwicklung liegt? Diese Frage wird von den Beteiligten in Niedersachsen gegenwärtig unterschiedlich bewertet. Als weitere Herausforderungen zeigen sich Demographie und Kirchenmitgliedschaftsentwicklung, die Zukunft der Kirche als Institution, Organisation oder Bewegung, Aufklärung und Vorbeugung von Missbrauch sowie ökumenischer Dialog und interreligiöse Begegnungen.
Historisch wurden Herausforderungen oftmals bewältigt, wenn das in ihnen verborgene Potenzial an Chancen erkannt und genutzt werden konnte. Auch zu diesem Zweck kann und will die Erforschung niedersächsischer Kirchengeschichte einen Beitrag leisten.