11.06.2022 – 12.06.2022
Jahrestagung 2022
Bericht über die Jahrestagung der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte vom 11.-12.06.2022
Die Jahrestagung fand in diesem Jahr an zwei Orten in Bremen statt: am 11.06.2022 im Kapitelsaal des Bremer Doms und am 12.06.2022 im Saal der Bremer St. Ansgarii unter Beteiligung von knapp 40 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern aus dem Mitgliederkreis der Gesellschaft sowie dem kirchengeschichtlich interessierten Publikum der Region.
Es handelte sich um eine hybride Sitzung, an der ca. 30 Personen in Präsenz und der Rest per Zoom-Videokonferenz teilnahm. Eröffnet wurde sie um 14.30 Uhr, vorausgegangen war ihr, wie immer, am Vormittag eine Beiratssitzung der Gesellschaft, ein mittäglicher Empfang durch die Bremische Evangelische Kirche und eine historische Dom- und Stadtführung.
Das Tagungsprogramm eröffnete der Beitrag von Christoph Wieselhuber (Bremen): Lippenbekenntnisse – Erzbischof Gerhard II. von Bremen (1219 – 1258). Der Referent schilderte insbesondere die auf die Übernahme etlicher geistlicher Führungspositionen zielende Familienpolitik und die einem absolutistischen Herrscher ähnelnde Herrschaftsauffassung Gerhards, beispielsweise auch in Bezug auf die Rechte der Bremer Bürger. Zwecks Unterwerfung der Stedinger Bauern erklärte er diese zu Ketzern und rief zu einem Kreuzzug gegen sie auf.
Der sich anschließende Vortrag von Dr. Sabine Presuhn (Elchingen-Thalfingen) widmete sich den Bruderschaften an der mittelalterlichen St. Ansgarii-Kirche zu Bremen. Um 1500 existierten dort ca. fünf Bruderschaften; insgesamt sind für Bremen ca. 29 Bruderschaften bekannt.
Die Referentin verwies auf die Bedeutung der Gebetsbruderschaften, die ihren Mitgliedern den laikalen Stand erlaubten und ihnen Gemeinschaft, Geselligkeit, Repräsentation und die Wahrnehmung bestimmter Aufgaben sowie regelmäßige Versammlungen und Mahlzeiten versprachen. Weil sie in der Öffentlichkeit insbesondere durch ihre Memorialaufgaben als starke Gemeinschaft wahrgenommen wurden, kann man sich fragen, ob es für ihre Mitglieder attraktiver schien, sich ihr Seelenheil durch bruderschaftliches Gedenken zu sichern, als durch individuelles Gebet.
Mit der Dorotheenbruderschaft, der Petrusbruderschaft, der Schmiedeknechte-Gesellenvereinigung und der Annenbruderschaft stellte die Referentin vier Beispiele an St. Ansgarii vor. Durch sie wird deutlich, wie tief das Chorherrenstift St. Ansgarii in der Bremer Gesellschaft verwurzelt war.
Am Nachmittag wandte sich Nils Huschke (Bremen) dem Reformator und evangelischen Märtyrer Heinrich von Zütphen zu und erläuterte seine Rolle als reformatorischer Prediger an St. Ansgarii (1523). Eigentlich auf dem Weg nach Wittenberg sei von Zütphen in Bremen länger geblieben, als ursprünglich beabsichtigt.
Huschke beschrieb St. Ansgarii als Kirche der Schneider und Handwerker, an welcher ein reformfreudiger Geist geherrscht habe. Ungeachtet der Kritik und Überwachung durch den Bremer Erzbischof hielt Heinrich von Zütphen mit Unterstützung der Gemeinde dort ca. 750 Predigten. Mit Jakob Propst vermittelte er einen weiteren reformatorischen Prediger an die Liebfrauenkirche, bevor er nach Dithmarschen weiterzog.
Nachfolgend stellte Friedrich Seven den ‚Consensus Bremensis‘ von Christoph Pezel von 1595 als äußerst komplexe Bekenntnisschrift und Ordnung der „Zweiten Reformation“ Bremens vor. Sie markiert eine stärkere Hinwendung zur reformierten Lehre bzw. den Versuch, Bremen an die nordwestdeutsche reformierte Kirche anzuschließen.
Unter dem Titel „Die Stadt Gottes und die Bürger“ beschrieb der Referent das Programm des ‚Consensus‘, welcher – anders als die Confessio Augustana – neben den zentralen Themen Verkündigung und Spende der Sakramente auch die Kirchenzucht betrachtet und die konkurrierende geistliche und weltliche Freiheit der Bürger definiert.
Nach einer Pause schloss sich die Mitgliederversammlung der Gesellschaft an, in welcher u. a. der Vorstand wiedergewählt, Hans Otte zum Ehrenmitglied der Gesellschaft gewählt und ein neues Herausgeberteam für das Jahrbuch der Gesellschaft (Thomas Kück im Team mit Ralph Hennings, Birgit Hoffmann, Inge Mager, Hans Otte und Mareike Rake) vorgestellt wurde.
Der öffentliche Abendvortrag von Dr. Arend Mindermann (Stade) behandelte das konfliktbeladene aber auch kooperative Verhältnis zwischen dem Erzbistum Bremen und dem Bistum Verden im Mittelalter.
Der zweite Tagungstag begann um 10.00 Uhr mit einem von Pastor Louis-Ferdinand von Zobeltitz gehaltenen Gottesdienst in der 1957 geweihten St. Ansgarii-Kirche in Bremen-Schwachhausen, Nachfolgebau der schwer kriegszerstörten 1959 abgerissenen mittelalterlichen St. Ansgarii-Kirche.
Um 11.30 Uhr wurde das Vortragsprogramm mit dem Beitrag von Carina Amboss (Oldenburg) über konfessionelle Auswandererfürsorge in Bremen und Bremerhaven im 19. Jahrhundert als Begegnungs- und Konfliktfeld fortgesetzt. Die Referentin stellte drei Phasen vor; in der zweiten Phase, in der die Fürsorge in Bremerhaven vor allem auf Privatinitiative und im Kontext der Erweckungsbewegung erfolgte, wurde das Auswandererhaus um 1849 errichtet.
Zunächst wirkten dort protestantische und methodistische Auswandererfürsorge friedlich nebeneinander. Konflikte kamen auf, als sich die Kapelle mit der zunehmenden Betreuung katholischer Auswanderer als nicht mehr ausreichend erwies. Mit der Errichtung einer Pfarre in Bremerhaven kamen weitere Zuständigkeitsfragen hinzu.
Der abschließende Vortrag von Klaus Behrens-Talla (Bremen) stellte die Entwicklung der evangelischen Kirche in Bremen im 20. Jahrhundert anhand ausgewählter Themenbeispiele vor. Der Referent konzentrierte sich dabei besonders auf die Problematik der Kirchenaustritte, welche kein ausschließlich aktuelles Phänomen sei, sondern bereits anlässlich der Einführung der Kirchensteuer 1923 massiv zu beobachten war.
Im zweiten Themenkomplex beschrieb Behrens-Talla Hindernisse und Aufgaben bei der Verabschiedung einer neuen Verfassung der Bremischen Kirche mit Blick auf die noch gültige, aus dem Jahr 1920 herrührende Kirchenverfassung.
Die Tagung endete mit dem Dank des Vorstandsvorsitzenden Thomas Kück um 13.15 Uhr.
gez. Birgit Hoffmann