12.07.2024 – 22.07.2024
Masuren 2024
Ein Reisebericht. Gemeinsam mit dem Historischen Verein für Niedersachsen (Leitung Dr. Sabine Graf) hat die Gesellschaft für niedersächsische Kirchengschichte vom 12. bis 22. Juli 2024 eine Exkursion unternommen: „Von Danzig über Marienburg nach Steinort in Masuren – eine Reise durch Nordostpolen“. Die Exkursion führte die 44 Teilnehmenden mit dem Bus zunächst nach Danzig. An drei Tagen wurde die Stadt erkundet: Die drei Tore im Westen der Stadt (Hohes Tor, Stockturm und Goldenes Tor), das Rathaus und der Artushof am Langen Markt sowie die Marienkirche. In der nach den vernichtenden Kriegsschäden detailgetreu wiedererrichteten Stadt pulsierte ein junges und modernes Leben. In der Altstadt besuchten wir das Solidarnosc-Museum, ein modernes Stahlgebäude, das an einen Schiffsrumpf erinnert und die Geschichte der Werft und der von ihr ausgegangenen Solidarnosc-Bewegung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts museumspädagogisch hervorragend dokumentiert. Der junge polnische Historiker, der uns das Gebäude zeigte, hat in Deutschland studiert und führte uns authentisch vor Augen, wie eine junge Generation in Danzig versucht, eine Beziehung zu der Geschichte ihrer Stadt zu entwickeln, aus der die deutsche Mehrheitsbevölkerung 1945 vertrieben und eine polnische Bevölkerung neu angesiedelt wurde. Diese Arbeit wurde dem Museum unter der jahrelangen nationalistischen PIS-Regierung erschwert, jetzt aber blicken sie wieder zuversichtlich in die Zukunft. Wegen der national und international stark kritisierten, einseitigen Geschichtspolitik der abgewählten PIS-Regierung haben wir das unter ihrer Ägide errichtete Museum des Zweiten Weltkriegs nicht besucht. Dafür standen wir nur wenige Straßen entfernt vor der historischen Polnischen Post, wo in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs schrecklich gekämpft wurde. Günter Grass hat in der Blechtrommel davon berichtet, wo auch sein Onkel, Franz Krause (polnisch Frantiszek), als einer der ersten Kriegsopfer zu Tode gekommen ist. An jenem historischen Ort haben wir dazu eine Lesung gehört. Von Danzig aus haben wir die Marienburg besucht. Die sehr große wehrhafte Anlage aus dem Mittelalter dokumentiert noch heute den Ausgangspunkt der Herrschaft des Deutschen Ordens bis zur Umwandlung des ursprünglichen Kreuzfahrerordens in ein weltliches Herzogtum unter dem letzten Hochmeister, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Am Montag, 15. Juli, führte uns die Exkursion weiter nach Masuren. In Mrągowo (früher Sensburg) bezogen wir Quartier, direkt am See. Wenn es über Masuren heißt, es sei das Land der 1000 Seen, so haben wir das unmittelbar erlebt und viele nutzten morgens oder abends die Gelegenheit, bei herrlich sommerlichem Wetter im See zu schwimmen. Von Mrągowo aus führten uns Tagesreisen zu Burgen und Schlössern, die uns die Geschichte der Region bezeugten. So waren wir u.a. in Olsztyn (früher Allenstein), Nakomiady (früher Eichmedien) und im Forsthaus Piersławek (früher Kleinort, dem Geburtshaus von Ernst Wiechert). In Mikołajki (früher Nikolaiken) haben wir eine heute noch evangelische Schinkel-Kirche besucht und sind dort durch das Museum der polnischen Reformation geführt worden. Auch in Giżycko (früher Lötzen) ist die von Schinkel errichtete Kirche heute noch evangelisch, was eine seltene Ausnahme im katholischen Polen darstellt. Dort haben wir im Rahmen des 8. Stn:ort-Festivals 2024 ein Konzert mit Anima Shirvani und dem Vokalkreis Reinbek gehört. Das Stn:ort-Festival war einer der Höhepunkte unserer Reise. Das frühere Schloss Steinort der Grafen von Lehndorff ist das Zentrum einer internationalen kulturellen Zusammenarbeit von verschiedenen Stiftungen und der Lehndorff-Gesellschaft mit dem Ziel, das Schloss zu restaurieren und als Sitz einer künftigen Akademie für die Geschichte Masurens mit neuem Leben zu füllen. Zwei Vorstandsmitglieder der Lehndorff-Gesellschaft, Dr. Bettina Bouresh und Dr. Uwe Heckert, haben unsere Exkursion leitend mit vorbereitet und intensiv begleitet und unterstützt. Am 20. Juli nahmen wir an einem Gedenkstein vor Schloss Steinort an einer schlichten und würdigen Feier teil. Es wurde aus den Erinnerungen von Gottliebe Gräfin von Lehndorff gelesen, wie sie den 20. Juli 1944 erlebt hat, in dessen Folge ihr Ehemann, Heinrich Graf von Lehndorff, verhaftet und sechs Wochen später durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Der Vokalkreis Reinbek gestaltete den musikalischen Teil der Gedenkfeier. Anschließend fuhren wir zu der nur wenige Kilometer entfernten Wolfsschanze, wo wir den Ort des aktiven Widerstands gegen das NS-Regime vor 80 Jahren sehen konnten. In einem der Bunker war auch ein Museum zum Gedenken an den Warschauer Aufstand vom August 1944 eingerichtet. Auch wegen des kurz zuvor fehlgeschlagenen Attentats auf ihn hat Hitler jenen Aufstand mit unfassbarer Brutalität an der Zivilbevölkerung niederschlagen lassen. So gedachten wir am 20. Juli auch jener Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Eine Lesung mit Texten von Dietrich Bonhoeffer bildete für uns den Abschluss dieses besonderen Tages. An einem Abend empfingen wir den Besuch des kommandieren Nato-Generals des Multinational Corps North-East, Generalleutnant Jürgen-Joachim v. Sandrart. Er holte uns durch sein Referat aus der Geschichte in die Gegenwart dieser Region in der unmittelbaren Nähe der Grenze zu Russland. Die Lage sei außerordentlich ernst, so konnte er uns deutlich machen. Und zugleich konnten wir spüren, wie kompetent diese ernste Lage analysiert wird und wie verantwortungsvoll sich von Seiten der Nato darauf eingestellt wird. Was braucht er für seine Arbeit? So wurde er in der angeregten Diskussion gefragt. Mehr eindeutige Unterstützung in der ganzen Gesellschaft, so war seine Antwort, die mit starkem Applaus bedacht wurde. Am 21. Juli haben wir einen deutschsprachigen evangelischen Gottesdienst in der Schinkel-Kirche in Giżycko (früher Lötzen) besucht und danach auf einer mehrstündigen Bootsfahrt die masurische Seenlandschaft erkundet. Das war wunderbar entspannend, ebenso wie der lockere Abschiedsabend auf der Terrasse des Hotels am Ufer des sommerlichen Sees bei aufgehendem Vollmond. Am 22. Juli brachte uns der Bus nach Hannover zurück. PD Dr. Thomas KückExkursion nach Danzig und Masuren